Wenn der Körper Stopp flüstert und wir trotzdem weitergehen
Ein psychodynamischer Blick auf das, was uns davon abhält, gut für uns zu sorgen – und warum es so schwer fällt, auf die eigenen Bedürfnisse zu hören.
Wir alle kennen diesen Moment: Die Arbeit stapelt sich, die Kinder haben Bedürfnisse, die To-Do-Liste endet nie – und inmitten all dessen spürst du ihn, den leisen Ruf deines Körpers. Ein Ziehen zwischen den Schulterblättern. Ein Druck hinter der Stirn. Eine kleine, fast unhörbare Stimme, die sagt: „Jetzt würde eine Pause gut tun. Jetzt wäre ein Moment nur für mich schön.” Und doch gehst du weiter über deine Grenzen. Du funktionierst. Du arrangierst dich. Du ignorierst deine Bedürfnisse – obwohl du genau weißt, dass dein Körper um Aufmerksamkeit bittet, dass deine Seele nach Ruhe verlangt.
Warum tun wir das? Warum ignorieren wir diese Signale, obwohl wir doch genau wissen, was uns guttäte? Die Antwort ist komplexer, als sie auf den ersten Blick scheint. Es ist nicht mangelnde Einsicht oder fehlendes Wissen. Es ist nicht, weil wir die falschen Prioritäten setzen oder zu wenig diszipliniert sind. Die Wahrheit ist: Unsere Wünsche nach Ruhe, nach Selbstfürsorge, nach einem Moment für uns selbst stehen selten allein. Sie sind eingebettet in ein komplexes, oft unbewusstes Netz aus inneren Konflikten, Ansprüchen, Sehnsüchten und alten Mustern, die uns weitaus stärker leiten als unser bewusster Wille. Und genau hier beginnt die eigentliche Arbeit.
Das Paradox unserer Zeit: Warum Selbstfürsorge bei Erschöpfung oft unmöglich scheint
Es ist eines der großen Paradoxe unserer Zeit: Wir glauben, dass wir, indem wir uns selbst zurückstellen, anderen Gutes tun. Dass unsere Opferbereitschaft Liebe zeigt, unsere Erschöpfung Engagement beweist, unsere Selbstverleugnung uns zu besseren Menschen macht. Doch dieses permanente Verneinen der eigenen Bedürfnisse erzeugt in Wahrheit oft nur eines: Leere. Chronische Überforderung. Ein stilles, nagendes Gefühl von Mangel, das sich schleichend ausbreitet und irgendwann alles färbt – unsere Beziehungen, unsere Arbeit, unser Selbstbild.
Aus psychodynamischer Sicht ist dieses Muster kein Zufall. Es ist das Ergebnis tief verankerter, oft unbewusster Konflikte, die in unserer frühen Entwicklung entstanden sind. Diese Konflikte prägen, wie wir über uns selbst denken, wie wir Beziehungen gestalten und – ganz zentral – ob wir uns erlauben, für uns selbst zu sorgen. Doch gerade in dieser Erkenntnis liegt auch eine Chance. Die Ambivalenz, die wir spüren, wenn wir zwischen unseren eigenen Bedürfnissen und den Anforderungen der Außenwelt hin- und hergerissen sind, ist kein Fehler. Sie ist ein Wegweiser. Sie zeigt uns, wie komplex unsere innere Welt ist, wie eng Selbstfürsorge, Selbstwert und unsere Beziehungen miteinander verknüpft sind. Und sie erlaubt uns zu erkennen: Wir dürfen uns kleine Momente der Ruhe erlauben, ohne dass alles andere weniger wert wird. Schuldgefühle sind normal – aber sie müssen nicht bestimmen, wann wir innehalten.
Innere Zerrissenheit: Wenn alle Bedürfnisse wichtig sind, aber nicht gleichzeitig erfüllbar
Stell dir vor, du stehst an einer Weggabelung. In jede Richtung führt ein Weg, und jeder dieser Wege ist wertvoll. Der eine führt zu Ruhe, zu Regeneration, zu einem Moment nur für dich. Der andere führt zu deinen Kindern, zu deiner Arbeit, zu den Menschen und Projekten, die dir am Herzen liegen. Beide Wege sind gut. Beide verdienen deine Aufmerksamkeit. Und doch kannst du nicht beide gleichzeitig gehen.
Dieses innere Ringen – in der Psychologie als Annäherungs-Annäherungs-Konflikt bekannt – ist eine der subtilsten und belastendsten Formen innerer Zerrissenheit. Anders als bei einem Konflikt zwischen etwas Gutem und etwas Schlechtem, wo die Entscheidung zumindest theoretisch klar ist, stehen hier zwei positive Ziele gegeneinander. Wir wollen für uns sorgen, Ruhe finden, uns erholen – und gleichzeitig unseren Kindern eine lebendige, magische Kindheit schenken, intellektuell wachsen, Freundschaften pflegen, beruflich etwas erreichen. Jeder dieser Wünsche ist legitim. Jeder ist erstrebenswert. Aber sie ziehen in unterschiedliche Richtungen, und jede Entscheidung fühlt sich wie ein Verzicht an.
Wenn ich mir Zeit für mich nehme, fehle ich anderswo. Wenn ich mich um andere kümmere, vernachlässige ich mich selbst. Diese innere Zerrissenheit ist nicht nur anstrengend – sie ist auch der Nährboden für Schuldgefühle, für das Gefühl, nie genug zu sein, egal wofür man sich entscheidet.
Frühe Prägungen und ihre Folgen: Warum wir gelernt haben, unsere Bedürfnisse zurückzustellen
Oft haben wir in unserer Entwicklung gelernt, dass unsere eigenen Bedürfnisse nachrangig sind. Vielleicht war eine Bezugsperson selbst überfordert, und wir haben früh verstanden, dass wir funktionieren müssen, um geliebt zu werden. Vielleicht wurden Pausen als Schwäche ausgelegt, Bedürftigkeit als Last. Diese frühen Erfahrungen werden zu inneren Arbeitsmodellen, die bestimmen, wie wir heute mit unseren Bedürfnissen umgehen – meist ohne dass wir es bewusst merken.
Diese von Kindheit geprägten Muster der Selbstverleugnung wirken bis ins Erwachsenenalter nach und beeinflussen massiv, ob wir uns Selbstfürsorge erlauben können.
Wie wir mit inneren Konflikten umgehen können
Der erste Schritt ist, die Ambivalenz nicht als Problem zu sehen, sondern als Hinweis auf die Vielschichtigkeit deiner Wünsche. Du musst dich nicht für eine Seite entscheiden und die andere völlig aufgeben. Statt dich zu zerreißen, erlaube dir, kleine, konkrete Momente der Selbstfürsorge zu gestalten. Ein bewusstes „Ja” zu zehn Minuten Ruhe ist kein Verrat an deinen Kindern oder deiner Arbeit. Es ist eine Investition in deine Energie – und von dieser Energie profitieren letztlich alle.
Innere Antreiber erkennen: Die alten Stimmen, die uns über Grenzen gehen lassen
Neben den widersprüchlichen Wünschen gibt es noch etwas anderes, das uns daran hindert, gut für uns zu sorgen: die alten Stimmen in uns. Diese inneren Antreiber – manchmal laut und fordernd, manchmal kaum hörbar, aber immer wirksam – diktieren uns Regeln, die wir oft gar nicht bewusst hinterfragen.
„Ich darf keine Pause machen, sonst bin ich faul.”
„Wenn ich mich um mich kümmere, vernachlässige ich andere.”
„Wer rastet, der rostet.”
„Ich muss stark sein. Ich darf keine Schwäche zeigen.”
Diese Sätze klingen vielleicht vertraut. Vielleicht hast du sie schon einmal zu dir selbst gesagt, in einem Moment, in dem dein Körper um Ruhe bat und du trotzdem weitergemacht hast.
Woher kommen diese Stimmen? Aus psychodynamischer Sicht sind es internalisierte Botschaften aus unserer frühen Entwicklung. Sie stammen von Bezugspersonen, die für uns bedeutsam waren – Eltern, Großeltern, Lehrer, manchmal auch gesellschaftliche Narrative, die wir aufgesogen haben. Diese Botschaften haben uns damals vielleicht Sicherheit gegeben, Orientierung in einer komplexen Welt. Wenn wir funktionierten, waren wir „gute” Kinder. Wenn wir leisteten, wurden wir gesehen. Doch was damals adaptiv war, kann heute dysfunktional werden.
Transgenerationale Muster: Wenn Familiengeschichte zur eigenen Last wird
Die alten Stimmen wirken subtil, aber wirksam. Sie erzeugen Schuld, wenn wir innehalten. Sie flüstern uns zu, dass unsere Bedürfnisse nicht wichtig genug sind, dass wir egoistisch sind, wenn wir an uns denken. Manchmal sind diese Muster auch transgenerational – sie wurden von einer Generation zur nächsten weitergegeben, oft unbewusst. Großeltern, die Krieg und Nachkriegszeit erlebt haben, Eltern, die unter hohem Leistungsdruck aufgewachsen sind – ihre Überlebensstrategien werden zu unseren inneren Regeln, auch wenn die äußeren Umstände längst andere sind.
Diese transgenerationalen Muster zu erkennen ist der erste Schritt, um sich davon zu lösen und einen neuen, selbstfürsorglicheren Umgang mit sich selbst zu entwickeln.
Ausblick auf Teil II:
Im nächsten Teil geht es darum, wie wir diese Stimmen transformieren, den Körper als Kompass nutzen, Ambivalenzen navigieren und Selbstfürsorge praktisch in den Alltag einbauen können – ohne Schuldgefühle, mit Reflexion und kleinen Übungen.
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